(lv) Sarstedt. Keine schlechte Resonanz: Rund 25 Personen haben sich am Dienstag auf Einladung des Leiters der Sarstedter Polizei, Hans Müller, im Rathaus versammelt. Gemeinsam wollen sie gegen ein Übel in der Stadt angehen - Graffiti an Mauern, Wänden, Verteilerkästen. Zwar war den Polizisten erst kürzlich ein Fang geglückt: Sie schnappten im Dezember einen 16-jährigen Sarstedter, auf dessen Konto mehr als 80 Schmierereien gingen. Aber auch in Zukunft soll die Stadt sauber bleiben. Das ist das erklärte Ziel des runden Tisches, den Müller einberufen hat.
Und er hatte einen Experten mitgebracht: Matthias Brust ist Leiter der Ermittlungsgruppe „Graffiti” in Hannover und erklärte den Politikern,Pädagogen und allen übrigen Präventionsinteressierten, worum es überhaupt geht. Denn Graffiti, sagte der Fachmann, ist nicht nur eine Straftat, sondern eine Jugendkultur als Bestandteil der Hip-Hop-Szene.
In Großstädten wie Berlin haben es die Ermittler mit 15.000 Taten pro Jahr zu tun - dagegen ist es in Sarstedt noch beschaulich. Dennoch: Wolle man der Sache Herr werden, „braucht man einen langen Atem und Geld”, so Brust.
Seine Kollegen und er kennen sich aus in der Szene. Sie lesen Graffiti- Zeitschriften und tummeln sich in Internetforen. „Es hat sich ein eigener Industriezweig rund um Graffiti gebildet.” Fortgeschrittene Sprüher kaufen Ihre Farbdosen und Stifte nicht im Baumarkt. Über das Internet kann man sich Spezialfarben besorgen, die besonders schwer abgehen.
Und Humor haben die Hersteller auch. Auf einem der wetterfesten Stifte steht der Tipp: „Nach Gebrauch verschließen und schnell rennen!” Werbung gibt es ebenfalls im Milieu. Die Deutsche Bahn ist gegen Anbieter gerichtlich vorgegangen.
In einer Anzeige für Sprühdosen waren triste Bahnhöfe und hässliche Züge zu sehen, die förmlich um Verschönerung bettelten. Strafbar ist die Tat dennoch. Unter Graffiti fallen bei der Polizei übrigens nicht politische Parolen oder Liebesschwüre an Autobahnbrücken.
Die Teilnehmer am runden Tisch hörten aufmerksam zu und hatten einige Fragen. Welche Erfahrungen der Fachmann etwa mit legalen Flächen gemacht habe, die manche Städte anbieten. Keine guten, antwortete der Polizist. „Das bringt keine Anerkennung in der Szene.” Genau darum gehe es aber: Anerkennung.
Sarstedts Bürgermeister Karl- Heinz Wondratschek wollte wissen, was er mit dem neuen Bahnhofstunnel machen soll. Er wurde bereits beschmiert und wieder grau übergestrichen, Schatten sind allerdings noch zu sehen. Sollte man ihn von Schülern oder Studenten gestalten lassen? Brusts Antwort war zwiegespalten.
Zwar habe es früher eine Art Ehrenkodex gegeben, dass fremde Bilder nicht übermalt werden, aber Sprüher sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.
Einig waren sich alle darin, dass man am Ball bleiben will. Polizeichef Hans Müller gab das Fernziel aus: Keine Schmiererei soll länger als 48 Stunden zu sehen sein. Dann verlieren die Sprüher die Lust, bestätigte der Experte aus Hannover. Wie dieses Ziel zu erreichen ist, will demnächst ein Koordinationskreis aus Vertretern der Polizei, Verwaltung, Schule und Jugendpflege vor besprechen. Anfang 2009
Artikel aus dem Kehrwieder am Sonntag
http://www.kehrwieder-verlag.de/epaper/pdf/0302_Kewi_HP_09.pdf
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